Saisonal zu essen ist heutzutage gar nicht so einfach, und dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen sind einzelne Nahrungsmittel das ganze Jahr über erhältlich, wir werden also vom Angebot nicht so gesteuert, dass wir nur saisonal einkaufen würden. Zum anderen haben wir unser Lieblingsgemüse, das uns das ganze Jahr über schmeckt und anderes, was uns nicht schmeckt, kochen wir logischerweise nicht. Wir können uns also erlauben, wählerisch zu sein. Das Überangebot an Gemüse und Früchten ist eine logische Konsequenz der Globalisierung. Uns erreichen heute Nahrungsmittel, welche früher exotisch waren und nur einzelnen Bevölkerungsgruppen zugänglich waren. Zeitgleich haben wir mit der modernen Lebensführung aber auch das Bewusstsein verloren, auf unseren Körper zu achten und mit den Jahreszeiten zu leben statt nur in ihnen. Das Wissen um saisonale Landwirtschaft und das saisonale Kochen ging verloren, zumindest im Grossteil der Bevölkerung.
Was sich jedoch bis heute durchgesetzt hat, ist der Saisonkalender. Und das ist sehr interessant, denn er steht für die Gewissheit, dass alles seine Zeit hat. Der Saisonkalender vermittelt uns, welches Gemüse und welche Früchte aktuell Saison haben. Doch eigentlich geht seine Nachricht an uns noch viel tiefer: er zeigt uns nämlich, was uns jetzt gerade guttut. Genau wie die Natur durchlebt unser Körper die verschiedenen Jahreszeiten, und jede bringt eigene Herausforderungen und Bedürfnisse. So wie die Insekten nach der Winterruhe auf die ersten Blumen des Jahres angewiesen sind, braucht der Körper bestimmte Nährstoffe, um den Jahreszeiten stark und robust zu begegnen. Das Gute daran: unsere Nahrungsmittel liefern uns alles, was wir benötigen. Einfach, unkompliziert und preisgünstig.
Die Saison «Winter»

Wenn wir das Jahr mit dem Januar beginnen, sind wir mitten im Winter. Draussen ist es kalt und dunkel, wir suchen Wärme und Geborgenheit. Und das ist absolut natürlich. Wegen der Kälte ist unser Immunsystem extrem gefordert, denn in der Kälte fühlen sich Krankheitserreger pudelwohl und nutzen unsere Verwundbarkeit aus. Wir sind also unserem Immunsystem verpflichtet, uns gut um es zu kümmern. Wir erhalten dabei Unterstützung durch das Wintergemüse (was bei den meisten nicht besonders beliebt ist). Rotkohl, Wirz, Rosenkohl, Lauch, Randen, Sellerie, Nüssler und viele mehr liefern uns unter anderem das elementare Vitamin C. Ohne dieses Vitamin können wir nicht gesund bleiben. Den meisten sind Zitrusfrüchte ein Begriff, wenn es um Vitamin C. So sind bei uns Orangen und Co. insbesondere im Winter erhältlich, doch dazu weiter unten mehr.
Die Saison «Frühling»

Im Frühling, wenn endlich die Vögel zwitschern und die Tage wieder heller werden, verändert sich auch unser Organismus. Unsere Mahlzeiten müssen nicht mehr kräftig & wärmend sein, die Sonne stärkt mit dem Vitamin D unser Immunsystem und hebt unsere Laune. Wir verbringen wieder mehr Zeit draussen und geniessen die frische Luft. Unser Körper beginnt, die gespeicherte Wärme abzubauen und nutzt dafür die ersten erfrischenden Nahrungsmittel wie Tomaten, Spargeln und Blattsalate. Auf Früchte müssen wir noch etwas warten, dafür werden wir dann mit Erdbeeren, Kirschen und Aprikosen reich belohnt.
Die Saison «Sommer»

Und schwuppdiwupps, es ist Sommer! Der Sommer bringt viel Hitze und unseren Organismus dürstet es nach Flüssigkeit und Abkühlung. Der Saisonkalender verrät uns, dass wasserhaltige Nahrungsmittel unserem Körper helfen, der Hitze zu trotzen und die Körpertemperatur konstant zu halten. Wir schwitzen mehr und trinken mehr (hoffentlich). Gemüse wie Peperoni, Zucchetti, Wassermelone (ja, die Wassermelone gehört zur Familie der Kürbisse und ist deshalb keine Frucht), Salatgurken, Aubergine oder Kefen helfen uns dabei, genügend Flüssigkeit aufzunehmen und versüssen uns das Grillieren. Beeren, Zwetschgen, Pfirsiche und Nektarine laden uns ein, unsere eigene Eiscreme zu machen. Wir liefern also, was der Körper braucht. Ich denke im Sommer fällt es uns am Einfachsten, nach dem Saisonkalender zu essen. Das angebotene Gemüse ist leicht und vielfältig zuzubereiten.
Die Saison «Herbst»

Wenn dann im Herbst die Temperaturen (endlich) wieder sinken, fährt auch der Körper seine Energie herunter. Er muss uns nicht mehr kühlen, der Sonnenstrahlung trotzen oder das Meerwasser von der Haut perlen lassen. Im Herbst ist es wichtig, das angereicherte, kühlende Wasser wieder loszuwerden und damit Platz zu machen für die ersten wärmenden Nahrungsmittel. Hier verspricht uns der Saisonkalender die Kürbisse, mit denen wir automatisch, ja beinahe instinktiv Eintöpfe und Suppen kochen. Der Kohl hält langsam wieder Einzug, zum Beispiel in Form des Federkohls. Die Schwarzwurzel meldet sich, mit der wir leckere Pürees herstellen. Alles tolle Nahrungsmittel und Zubereitungsarten, welche unseren Körper auf die Kälte vorbereiten. Mit dem Rückzug ins Innere geniessen wir wieder vermehrt Tees und Ruhe.
Aber was sind denn nun die Konsequenzen, wenn wir nicht nach dem Saisonkalender essen?

Kurz zusammengefasst bringt jedes Nahrungsmittel eine Eigenschaft mit: wärmend, kühlend, wässernd, trocknend. Das ist natürlich sehr vereinfacht, widerspiegelt aber grundsätzlich die Bedürfnisse unseres Körpers während der einzelnen Jahreszeiten. Wir erhalten unterschiedliche Vitamine und Mineralstoffe, die auf die äusseren Einflüsse unseres Körpers abgestimmt sind.
Ich habe oben die Orangen erwähnt, auf welche ich nun zurückkomme. Orangen haben bei uns im Winter Saison, weil sie in ihrem Heimatland Saison haben. Orangen liefern viel Vitamin C, was uns im Winter zugutekommt. Die Orange kommt aber aus dem Süden und hat dort im Sommer Saison. Sie bringt daher die Eigenschaft der Kühlung mit sich. Vielleicht ist Dir schon mal aufgefallen, dass Dir kalt wird, nachdem Du eine Orange gegessen hast? Und das ist der Haken: die kühlende Eigenschaft der Orange arbeitet gegen unseren Körper, der im Winter nur ein Ziel verfolgt: uns warm zu halten. Dasselbe gilt für Peperoni oder Zucchetti, welche unseren Körper bewässern und damit die Körpertemperatur senken.
Die Folge davon kann sein, dass wir schlecht schlafen, ausserordentlich müde sind oder uns erkälten. Wenn wir eine Grippe erwischen, haben wir Mühe sie auszukurieren. Unser Immunsystem kämpft mit Hitze gegen die Krankheitserreger, und durch kühlende Nahrungsmittel senken wir auf drastische Weise die Effektivität des Fiebers.
Im Sommer können wir, wenn wir beispielsweise scharf essen, einen regelrechten Hitzeanfall bekommen. Unser Blutdruck steigt, das Herz rast und dem Körper wird Wasser entzogen, um die Hitze auszugleichen. Das führt zu Kopfschmerzen und Erschöpfung.
Nahrungsmittel und Gesundheit gehen Hand in Hand.
Jetzt sagst Du vielleicht: wie soll ich denn einkaufen, wenn immer alle Nahrungsmittel angeboten werden?
Hier meine 5 Tipps für das saisonale Einkaufen & Essen

1) Ich gebe zu, der erste Punkt hier ist herausfordernd: Du musst den Saisonkalender kennen. Druck Dir ein Exemplar aus, kleb es an den Kühlschrank oder leg es in eine Schublade in der Küche. Dann kannst Du bevor Du einkaufen gehst einen Blick drauf werfen und entscheiden, was Du einkaufen möchtest. Jede Saison bietet eine Vielzahl an Gemüse! Ich verspreche Dir, es wird nicht langweilig.
2) Als weiteres empfehle ich Dir, auf dem Markt einzukaufen. Die Bauern vor Ort sind an die Jahreszeiten gebunden und liefern jeweils das Gemüse, das grad wächst. Und zwar natürlich und nicht aus dem Treibhaus. Der Bauernmarkt hat einen weiteren Vorteil: Du kannst Dir eine individuelle Menge kaufen und sparst Geld. Nicht nur weil Du kein Gemüse wegwerfen musst, weil die Tüte mit den Karotten für Dich zu viel war und Du nicht alles essen konntest, sondern auch weil der Markt seine Waren billiger anbietet. Schliesslich handelt es sich um Direktverkauf.
3) Wenn Du Dich mit einem bestimmten Gemüse nicht auskennst, fällt es Dir anfangs vielleicht schwer, es auch zuzubereiten. Mein Tipp an dieser Stelle: sei mutig & lass Dich von Rezepten inspirieren! Es gibt eine ganze Welt da draussen mit Menschen, die ihre Rezepte zur Verfügung stellen. Setz Dich an einem ruhigen Nachmittag hin, such Dir ein Rezept das Dir schmecken könnte und nimm Dir dann Zeit, es zu kochen. Okay gut, dafür musst Du natürlich auch die entsprechenden Zutaten haben. Also erst das Rezept suchen, dann einkaufen, dann zaubern.
4) Noch einfacher geht’s, wenn Du Dein Lieblingsrezept einfach abänderst. Anstelle von Zucchetti kannst Du Federkohl in Dein Curry geben. Oder Du nimmst Rotkohl anstatt Peperoni für Deinen Salat. Hier gilt es auszuprobieren, welches Gemüse Dir in welcher Form schmeckt. Manche Gemüse kann man übrigens auch roh essen, das ist den meisten gar nicht bewusst.
5) Und als letzten Punkt: Greif auf Eingemachtes & Gefrorenes zurück. Wir alle kennen das, dass wir jetzt einfach unbedingt und zwar sofort Salatgurke haben wollen. Aber es ist nicht Saison. Was machen wir jetzt? Darauf verzichten und schlechte Laune haben? Auf keinen Fall! Wir durchstöbern unseren Vorratsschrank und fischen das Glas eingelegte Salatgurke vom letzten Sommer raus. Und das geniessen wir dann in vollen Zügen: auf dem Brot, im Wintersalat oder direkt aus dem Glas. Eingemachtes & Gefrorenes wird zum Zeitpunkt der höchsten Reife geerntet und verarbeitet und enthält somit alle wichtigen Nährstoffe. Es bereichert unsere Küche, bringt Abwechslung in unsere Mahlzeiten und verhindert Nahrungsmittelverschwendung, weil wir das Gemüse verwerten anstatt es wegzuwerfen.
Abschliessend noch ein Tipp zur Verträglichkeit
Wintergemüse wird meistens nicht gemocht, weil es blähungsfördernd ist. Andere können die Schärfe von Radieschen nur schwer verdauen und bekommen Krämpfe. Mein Tipp: Kräuter & Gewürze. Nicht nur dass sie unserem Essen Geschmack und Abwechslung zukommen lassen, sie helfen auch beim Verdauen. Kohl wird gerne mit Kreuzkümmel gekocht, oder Scharfes wird mit Pfefferminze kombiniert, das gleicht die Eigenschaften wieder aus. Ein weiteres Plus von Kräutern und Gewürzen sind die geballte Ladung an Nährstoffen, die sie liefern.
Mich interessiert nun Deine Sicht auf das Thema: Hast Du Hemmungen, nach dem Saisonkalender zu essen? Brauchst Du weitere Unterstützung bei der Umsetzung oder wünschst Du Dir noch mehr Inspiration? Welche positiven Erfahrungen hast Du gemacht? Melde Dich gerne bei mir unter mail@nahrungsbewusst.ch.
In dem Sinne: guten Appetit & bis bald!
Sandrine von nahrungsbewusst